Dienstag, 12. März 2013

Keine Angst vor "Vintage Patterns"


Der Kommentar zu meinem letzten Post von der lieben Madame Ahuefa hat bei mir gerade ganz viele Gedankengänge ausgelöst, die ich hier als eine Art Nachtrag posten möchte. Für alle Näherinnen, die vielleicht auch schon mal mit dem Gedanken gespielt haben, so ein spezielles altes Modell nachzuarbeiten.

Von vielen Frauen höre ich oft, dass ihnen Vintage-Schnittmuster eigentlich gefallen würden, aber dass ihnen die Modelle "nicht stehen".
Warum eigentlich nicht? Sicher, die Modellskizzen auf den Umschlägen sind frustrierend. Eine solche Taille hatte ich nicht mal in meinen besten Jahren, geschweige denn nach zwei Geburten. Aber generell sehen die damaligen Modelle immer noch fraulicher und normaler aus als die anorexie-geplagten Supermodels von heute. Und damals waren ja bei weitem nicht alle Frauen schlank und rank! Natürlich muss man bei gewissen Modellen gut überlegen und viel messen, um sicherzustellen, dass nachher alles sitzt. Man muss auch seine Körperformen und die "kritischen Stellen" etwas kennen. Das sollte uns aber nicht abhalten, Vintage-Schnitten eine Chance zu geben! Dieser Stil wurde ja von allen Frauen getragen, grossen, kleinen, schlanken, molligen, jüngeren und älteren. Vielleicht nicht jedes Modell, aber das ist heute ja nicht anders.

Ich denke, der Vintage-Stil würde jeder Frau stehen, es ist natürlich nur die Frage, ob man sich damit wohlfühlt oder eher "verkleidet". Ich habe aber von vielen Frauen schon gehört, sie kämen sich dann sehr viel "weiblicher" und stilvoller vor als halt einfach in Jeans und Shirt oder einem 08/15 Rock von der Stange. Was ich voll bestätigen kann. Die Frauen sahen damals einfach alle viel "eleganter" aus. Man legte nicht nur viel mehr Wert auf Verarbeitung und Stoffqualität, sondern generell auf einen gewissen Grad an Gepflegtheit. Ungekämmte Haare oder schlampige Hochsteckfrisuren - Fehlanzeige. Unbestrumpfte Frauenbeine waren ausserhalb vom Strand ein No-Go. Eine Frau ohne richtige Unterwäsche (BH!) - undenkbar. Das gehört einfach zum "Gesamtpaket" Vintage.
Man vergleiche dieses Bild mit dem Anblick, der sich einem heutzutage an einem Strand oder in einem Freibad bietet.

Quelle: Emilie's daughter

Solche Bilder mögen heute vielleicht etwas bieder wirken. Aber wenn ich an das denke, was sich meinem Auge heute manchmal am Strand oder im Freibad darbietet, packt mich das nackte Grausen. Und obwohl die Damen damals weit mehr Stoff auf sich trugen, waren sie ja noch lange nicht unattraktiv. (Von einer solchen Figur kann ich nur träumen... Und erst die prefekten Frisuren. Wie aus dem Ei gepellt.) Gelegentlich wünsche ich mir, dass heute die weiblichen Badenden (und auch die männlichen) sich wieder etwas mehr bedecken würden. "Il vaut miex faire envie que faire pitié", wie die Franzosen sagen.

Gewiss, ein Argument ist der etwas grössere Aufwand. Das Nähen nach Vintage-Schnitten ist allerdings etwas anspruchsvoller als nach heutigen. Manche Frauen nähen heute fast nur Jersey, weil es dort auf Genauigkeit und Passform nicht so ankommt. Jersey verzeiht einem Vieles. Das ist eigentlich schade, denn so geben sich viele Näherinnen nicht mehr so Mühe, exakt zu arbeiten. Ich habe leider schon solche traurigen Resultate gesehen, bei denen es nur noch schade um den Stoff war. Vintage-Nähen braucht in der Regel einfach etwas mehr Zeit und Geduld. Und Können. Man muss bei Vintage-Kleidern genau arbeiten, v.a. weil sie oft aus nicht-dehnbaren Stoffen sind. Und bevor man richtig loslegen kann, sind heute oft viele Anpassungen nötig. Früher waren die Frauen etwas anders gebaut, zB eine schmälere Taille, kürzerer Oberkörper etc. Manchmal lohnt es sich auch, bei komplizierteren Schnitten ein Probeexemplar aus einem "billigen" Stoff zu nähen und dort allfällige Änderungen zu testen, bevor man dann einen besseren und teureren Stoff verarbeitet. (Bei meinem Hochzeitskleid habe ich zur Strafe dann das Oberteil zweimal zuschneiden müssen, weil ich mich nicht an diese Empfehlung halten wollte....)
Ein grosses Vorbild ist zum Beispiel Julia von Sewing Galaxy - sie näht alle Modelle einfach perfekt! Aber auch wenn jemand nicht diese Genauigkeit hat oder so viel Aufwand betreiben will, mit etwas gutem Willen und Bereitschaft zu etwas mehr Aufwand ist es keine Hexerei. :-) Und zugegeben - eine verstellbare Schneiderbüste hilft dabei sehr!

Natürlich empfiehlt es sich, als Einstieg in die Vintage-Welt ein etwas einfacheres Modell nachzuarbeiten. Auch damals gab es als besonders einfach propagierte Schnitte. Bei dem hier gezeigten Exemplar handelt es sich übrigens um eine "Neuausgabe" des damals sehr beliebten und berühmten "Walk Away Dress" von 1952, Butterick 4790. Dieser Schnitt aus den 50ern wurde auf heutige Masse angepasst und neu herausgegeben - mit dem Original-Cover natürlich. Der "Walk Away Dress" hiess deshalb so, weil er gemäss Werbung nach dem Frühstück begonnen werden konnte und man mit ihm zum Lunch bereits aus dem haus konnte. Allerdings wage ich zu bezweifeln, dass dies bei der durchschnittlichen Näherin der Fall war, aber dennoch ist es ein einfacher Klassiker, der relativ schnell zu einem erfreulichen Resultat führt. Und das Kleid ist sicher auch ohne Petticoat ein Hingucker.



Diese Reproduktion eines Modells von 1947, ebenfalls von Butterick, ist auch heute als Sommerkleid durchaus tragbar und wirkt alles andere als antiquiert!





Ich denke aber, dass früher die Fertigkeiten der Näherinnen allgemein besser waren. Bei der Ausbildung junger Frauen legte man noch Wert darauf, heute können ja viele Mütter nicht mal Knöpfe an der Kleidung ihrer Kinder annähen... Andrerseits haben heute zwar viele Frauen eine voll ausgestattete Nähmaschine oder sogar eine Overlock, was aber nicht heisst, dass sie auch wirklich eine Ahnung vom Nähen haben. Ich verurteile das aber nicht, schliesslich ist es toll, dass überhaupt genäht wird. Und ich möchte auch keineswegs behaupten, dass ich eine herausragend gute Näherin bin. einzelne Sachen kommen nur unter viel Gefluche zustande, und mir geht manchmal auch gewaltig etwas in die Hose.

Man sich kann ja langsam an eine etwas weiter zurückliegende Ära herantasten. Natürlich sind gewisse Modelle aus den 40er oder 50er Jahren sehr anspruchsvoll. Deshalb würde ich zunächst einmal einen Schnitt aus den 70er oder den späteren 60er Jahren ausprobieren. Viele dieser Designs sind heute noch absolut aktuell, und mit dem richtigen Stoff ergeben sich so schon beinahe klassische Kleidungsstücke, die tragbar sind aber dennoch nicht alltäglich aussehen. Ich empfehle z.B. einen Schnitt wie dieses Wickelkleid - es verzeiht noch einige "Fehlerchen" bezüglich Passform, weil es ja nicht 100% auf die Figur geschneidert ist, und dennoch ist es ein sehr schmeichelhaftes Kleidungsstück. Und es kann der Näherin etwas die "Angst" vor der "alten" oder schon "historischen" Vorlage nehmen. Auch hier gilt jedoch: Mass nehmen!

Quelle: patterngate (Etsy)

Im Gegensatz zu heutigen Schnitten sind viele Vintage Patterns "Eingrössen-Schnitte", d.h. das Modell wurde ursprünglich in der einen passenden Grösse gekauft. Auf der Hülle steht dann jeweils nicht nur die Grösse, z.B. "Size 14", sondern auch noch der Brustumfang (z.B."Bust 32" oder so). Das ist für uns heute sehr verwirrend. Mich hält es jedoch nicht ab, ein besonders tolles Schnittmuster zu kaufen, wenn es nicht gerade eine Teenager-Grösse ist. Denn üblicherweise muss ich den Schnitt ohnehin auf meine Masse anpassen, die wiederum, wie schon erwähnt, nicht den Massen von anno dazumal entsprechen. Im Internet findet man v.a. in englisch eine Hülle von Tipps und Anleitungen, wie man Vintage Patterns vergrössern und verkleinern kann.


Normalerweise haben Vintage-Schnitte den gleichen Aufbau wie die heutigen Muster. Die meisten haben auf der Hülle nur eine Zeichnung, was ich heute aber um einiges angenehmer empfinde als ein Foto. Ich "erkenne" das Design,  den Schnitt viel besser. Auf der Rückseite sind die Materialangaben. Hier muss man umrechnen können, also von Zoll (inches) in Zentimeter. US-amerikanische Stoffe sind heute in der Regel etwa 110 Zentimeter breit, früher gab es sogar noch schmälere, auch in Europa. Europäische Stoffe, vor allem heutige, sind breiter. Zur Sicherheit für den Stoffkauf die Schnitt-Teile auslegen.

Gewisse Schnitte aus früheren Zeiten sind, je nach Hersteller, aus unbedrucktem Papier. Markierungen für Abnäher etc. sind eingeknipst oder gelocht. Und in der Regel lag auch schon damals dem Schnitt eine bebilderte Anleitung bei. Hier sind gute Englisch-Kenntnisse unabdingbar.






















Man ist also als Näherin nicht allein mit einem Stapel alten Schnitt-Teilen, sondern hat eine ordentliche Hilfe. Deshalb beim Kauf, wenn man nicht sehr versiert ist, immer darauf achten, dass beim Schnitt auch die Instruktionen vorhanden sind. Bei sehr günstigen Vintage-Schnitten fehlen sehr oft Schnitt-Teile oder die Näh-Anleitung.

Und dann gibt es natürlich auch jede Menge Vintage Patterns für Kinder! Sehr toll sind dort die 70er Jahre, da beispielsweise Mädchen in den 40ern und 50ern vorwiegend Kleidchen trugen, was ja nicht mehr so unseren Gepflogenheiten entspricht. Nicht denkbar, wie viel Zeit damalige Mütter mit dem Bügeln dieser Kleidchen und Blusen und Röckchen verbrachten... Aber andere Modelle sind auch heute einfach zauberhaft, wie dieser Kindermantel.


Früher war ich viel auf Flohmärkten, aber da suchte ich in erster Linie Wedgewood Porzellan oder Möbel. Dafür reicht der Platz heute nicht mehr. Und wenn ich hin und wieder doch nach anderem Aussschau hielt, fand ich dann eher weniger spannende Schnitte aus den 70ern. In Brockenhäusern habe ich bis jetzt noch nie welche gefunden. Viele meiner Vintage-Schnitte erstehe ich in den USA, entweder auf speziellen Seiten oder sonst oft über Etsy. Ich liebe Etsy! Das ist für alles eine Top-Plattform, die US-Amerikaner sind sensationell was handwerkliche Hobbies angeht. Die Suche nach schönen und passenden Schnitten ist allerdings sehr (!) zeitintensiv, weil man gerne mal munter in den Einkaufskorb packt und dann aussortieren muss. Und es ist ja ein Modell schöner als das andere. Die Qual der Wahl... Es kann sehr schnell auch ins Geld gehen, wenn man nicht vernünftig ist oder etwas ganz gezielt sucht. Zudem sind die Preise in den letzten ein, zwei Jahren deutlich angestiegen. Vergleichen lohnt sich deshalb sehr, denn es gibt manchmal ziemliche Preisunterschiede. Der Vorteil ist, dass diese Verkäufer teilweise einen unermesslichen Fundus von Schnittmustern anbieten, die sie aus Haushaltsauflösungen und Nachlässen haben. Diese Schnitte werden auch auf ihre Vollständigkeit geprüft. Ich habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht oder ein Muster gekauft, wo entgegen den Angaben des Verkäufers etwas gefehlt hat.

Wenn mich also jemand fragt, ob man es mit einem Vintage Pattern versuchen soll, so sage ich voller Überzeugung ja.

Kommentare:

  1. erstmal herzlichen dank für dein kompliment!
    ich möchte eine verwirrung aus der welt schaffen.viele denken,dass die taillen extrem schmall gezeichnet sind.das ist nicht wirklich so. zu einem wurde die taille in der tat mit 0-(-2)cm bewegungszugabe konstruiert, zum anderen sind die sillhouetten so kosntruiert,dass die optische täuschung entsteht,dass die taille extrem schmall wäre. das passiert hauptsächlich durch die zusätzliche verlängerung der schulterlinie, +zugabe für Busen, und eine ordentliche zugabe für die hüften.somit entsteht eine X-sillhouette ganz ohne korsett.
    aber auch damals wurde schon ordetlich gemogelt. man sieht es sogar bei Marilyn oder bei Lyz Taylor,wenn sie im profil zu sehen sind,dass der busen einen verlängerungsknick hat:-) man hat damals spitze BH's getragen,die mit den pat's ausgefüllt waren. ebenso gabs Guiperre-taillenkorsett und hüfterüschen zum rockausfüllen im bereich der hüfte. gemogelt haben frauen schon immer;-)
    bei vintage, grade ab 40 muss man bei stoffe und modellwahl aufpassen. es ist ein schmaller grad zwischen vintage und oma-look.ebenso wirkt man komisch,wenn man mit 40 rockabilly näht.
    ansonsten passt es jeder!:-)

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    1. Ich gebe Dir absolut Recht, liebe Julia. Sicher waren die sehr schmal wirkenden Taillen ein Effekt des gesamten Schnittes und diverser kleiner Mogeleien (Mogeln ist wohl etwas, das sich durch die ganze Geschichte der Mode zieht...).

      Un ich würde auch kein Rockabilly-Outfit mehr anziehen. Aber es gibt ja aus jeder Ära tolle Schnitte für jedes Alter. :-)

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